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Der Pfeil

 

Pfeile. Wer macht sich schon Gedanken über Pfeile? Sicher Wenige! Oder? Dennoch, lassen Sie uns gemeinsam nachdenken. Pfeile hatten großen Anteil an unserer Entstehungsgeschichte. Durch die Entwicklung von Pfeilen, dem Bogen natürlich dazu, kann der Mensch seinen physikalischen, unmittelbar, durch die Armlänge begrenzten Einflussbereich dramatisch, punktgenau erweitern. Er entscheidet über Leben und Tod in eine Entfernung von vielleicht bis zu 100 Metern. Das muss ihn schwer beeindruckt haben.

Der Pfeil wird zum Symbol. Er steht für richtungsweisend, aufmerksam machend, zielführend, andeutend und vieles mehr. Amor verschießt Pfeile der Liebe. Indianer schießen Pfeile in den Himmel um ihren Toten den Weg zu weisen und Robin Hood überlässt die Bestimmung des Ortes für sein Grab einem abgeschossenen Pfeil. Und wenn ich an die vielen technischen Vorträge denke, die ich mir Zeit meines Berufslebens angeschaut habe und die fast immer mit Power Point Folien arbeiteten. Diese Folien waren bestückt mit Pfeilen.

Und plötzlich wird ein kleiner Pfeil Mittelpunkt meiner schlimmsten Träume. Ich liege im Bett. Bewegungsunfähig. Schwer angeschlagen. Zu der Zeit noch vom Hals an abwärts gelähmt. Und ich frage mich: Warum? Ich stelle diese Frage. Ich stelle sie laut in den Raum. Eine Frau kommt auf mich zu, in einem weißen Kittel. Sie hat ein Stück Papier in der Hand und macht eine Markierung auf das Blatt. Sie zeichnet einen Pfeil, einen kleinen, hässlichen Pfeil ...

Lassen Sie mich erklären wodurch meine Querschnittslähmung ausgelöst wurde und was es mit dem Pfeil auf sich hat. Bitte berücksichtigen Sie aber, dass ich kein Mediziner bin und diesen Sachverhalt nur laienhaft wiedergeben kann.
Durch starke äußere Kräfte, welche in meinem Fall durch einen Verkehrsunfall hervorgerufen wurden, sind drei meiner Brustwirbel gebrochen und zwar die Wirbel TH7, TH8 und TH9. Auf der Röntgenaufnahme links sieht man diese Wirbel zwei Monate nach der Operation. Die Frakturen sind hier nur schwer, als Schatten zu erkennen. Besser aber sieht man die Verschraubungen, welche angelegt wurden, um die gebrochenen Wirbel in Position zu halten. Die oberste zu sehende Schraube wurde im Wirbel TH5 platziert. Im selben Wirbel TH5 sitzt eine weitere Schraube, die aber durch ihre Lage hier nicht sichtbar ist. Sie liegt dahinter. Die nächste, tieferliegende Schraube sitzt im Wirbel TH6. Auch hier befindet sich eine weitere dahinter. Darunter dann die beiden gebrochenen Wirbel TH7 und TH8. Dann folgen, ähnlich wie oben, wieder vier Schrauben, jeweils zwei in dem ebenfalls gebrochenen Wirbel TH9 und zwei im Wirbel TH10. Als Folge der Frakturen werden, wenn Sie so wollen, drei weitere Wirbel, durch die Verschraubungen, in Mitleidenschaft gezogen. Um die gebrochenen und somit zunächst instabilen Wirbel zu fixieren, werden diese durch eine Metallplatte gehalten, welche selbst durch die Schrauben positioniert ist. Man erkennt diese Platte an dem dunklen, schwarzen Strich, welcher auf Höhe der Schraubenköpfe verläuft. Sofern diese Metallteile keine Probleme verursachen, bleiben sie für immer im Körper. Altlasten sozusagen.

Nun wäre zwar diese Verletzung der Wirbelknochen schon schlimm genug aber leicht zu verschmerzen, denn Knochen wachsen bekannterweise wieder zusammen. Aber, wie Sie alle wissen, verläuft das Rückenmark, der Hauptnervenstrang, durch die Wirbelknochen. Das hat sich die Natur gut ausgedacht, weil dieser lebenswichtige, hochsensible Datenpfad dort relativ gut geschützt ist. Aber jeder Schutz hat seine Grenzen und die enormen Kräfte, welche bei einem Verkehrsunfall auftreten können, lassen auch die stärksten Wirbel zerbrechen und das Rückenmark wird dann auch oft mehr oder weniger stark verletzt. Die Verletzungen können durch eindringende Fremdkörper, durch Knochensplitter, durch Scherkräfte bei ausgerückten Wirbeln, durch Abrisse, Quetschungen, Einblutungen und vieles mehr entstehen. Und das sind nur die direkten Ursachen. Ich weiß, dass es Spät- und Folgeschäden geben kann, direkt an der Verletzungsstelle des Rückmarks, welche ich mir aber auszumalen hier erspare. Als Betroffener reicht mir das was ist. Was alles noch passieren könnte würde mich nur beunruhigen und deshalb denke ich nicht darüber nach.

Die Rückenmarkverletzungen in einer Höhe von TH7, TH8 und TH9 lähmen mich im unteren Bereich des Rumpfes und in den Beinen. Ich müßte demnach die Symptome eines Paraplegikers aufweisen. Para ist die Bezeichnung für zwei und beschreibt die Lähmung von zwei Extremitäten, den Beinen. Leider sind aber meine Arme und Hände auch von lähmenden Ausfallerscheinungen betroffen. Also muss weiter oben noch eine Verletzung vorliegen. Diese zeigt die zweite Röntgenaufnahme recht eindrucksvoll. Ein kleiner, dunkler Punkt auf dem Mark deutet die Verletzung an. Meine damals betreuende Ärztin hat mir netterweise mit Kugelschreiber einen Pfeil gezeichnet, der auf mein Schicksal zeigt. Es ist der Pfeil von dem ich einleitend sprach. Er steht für eine Zuweisung: "Du hast von jetzt an, für den Rest deines Lebens, diese kleine Stelle, diese Unterbrechung der so wichtigen Nervenbahnen. Und der Pfeil wird immer darauf zeigen. Du kannst ihn nicht einfach wegdrehen. Auch wenn du dir das so sehr erhoffst". Sie glauben nicht wie oft ich über diesen Pfeil nachgedacht habe. Letztendlich ist er der Pfeil der auf die 4 meines Logos zeigt, der Pfeil der die Stelle markiert welche mein Leben so anders sein lässt.

Vermutlich durch ein starkes Schleudertrauma, eine Überdehnung des Halses, durch Stoßeinwirkung, kam es zu dieser Verletzung. Der Dornfortsatz des Halswirbels C5 war abgebrochen. Auch sieht man eine Art Halteklammer, welche die an dieser Stelle instabil gewordenen Wirbel halten soll. Die Ärztin hat auch die Klammer mit dem Kugelschreiber angedeutet. Diese Haltespange wurde mir von vorn, mittels einem Schnitt durch den Hals, eingesetzt. Dies geschah, nachdem ich mich während eines einwöchigen, künstlichen Komas etwas "erholen" durfte.

Nun wird sicher der eine oder andere von Ihnen bemerken, dass dort, wo der dunkle Fleck zu sehen ist, rechts und links Bereiche des Rückenmarks vorbeiführen, welche nicht verletzt zu sein scheinen. Das ist richtig. Ich bin in der Lage, bis hinunter zu den Zehen, etwas zu spüren. Das sind großflächige Berührungen mit entsprechendem Druck ausgeführt. Man nennt das "inkomplett". Inkomplett deshalb weil nicht das gesamte Mark komplett durchtrennt wurde.

Ich bin also ein "inkompletter C6/C7 Tetraplegiker" ... Halt, nein, so mag ich diese Formulierung gar nicht! Ich bin ein Mensch mit einer Behinderung welche als "inkomplette C6/C7 Tetraplegie" bezeichnet wird. Diese Bezeichnung orientiert sich nicht so sehr daran in welcher Wirbelhöhe die tatsächliche Verletzung liegt. Sondern sie versucht die Höhe zu beschreiben aufgrund der Lähmungs- und Ausfallerscheinungen. Hier möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass keine Querschnittslähmung mit einer anderen identisch ist. Stellen Sie sich vor, das Mark verhält sich wie ein Strang, bestehend aus vielen tausend Einzelnerven und jeder einzelne, nicht verletzte Nerv mehr oder weniger macht ein anders Bild für die Behinderung. Ein nicht durch eine Querschnittslähmung behinderter Mensch kann sich kaum vorstellen, wie viel mehr an Lebensqualität es bedeutet, wenn man aufgrund von ein paar mehr unverletzten Nerven vielleicht rechtzeitig spürt, wann die Belastungsgrenze beim Sitzen im Rollstuhl erreicht ist. Oder ob man sich einen schlimmen Dekubitus, ein durch Durchblutungsmangel abgestorbenes Gewebe, zuzieht, weil man es einfach nicht bemerken konnte.

Soviel zum Pfeil, zu meinem Pfeil und der damit verbundenen Geschichte. Haben Sie auch einen Pfeil, der immer wieder auf etwas in Ihrem Leben zeigt, den Sie nicht umbiegen können? Oder können Sie Ihren und ich meinen Pfeil vielleicht doch loswerden? Dazu etwas zu schreiben reizt mich schon jetzt ... !

 

 

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