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Earth

 

Oft, wenn ich an den Tag meines Unfalls denke, dann geht mir dieser Song durch den Kopf. Der Song "Seasons in the Sun", von Terry Jacks. Und zwar denke ich immer an den darin vorkommenden Satz "Goodbye, my friend, it's hard to die when all the birds are singing in the sky”.

Ja, es war so ein Tag, der 12. Mai 2007. Ich habe ihn als sehr schönen Tag in Erinnerung. Das Wetter war gut und die Vögel haben sicher auch gesungen. Auch wenn ich es nicht so wahrgenommen habe. Nein, gestorben bin ich nicht an diesem Tag. Nur einen Großteil meiner Körperfunktionen habe ich für immer verloren.

Nur mit fremder Hilfe komme ich jetzt noch aus dem Haus und schwierig bleibt es trotzdem. Daher benutze ich gerne Google Earth um an Orte zu "fahren", an denen ich schon mal war oder die mich interessieren. Google Earth ist eine tolle Sache! Gerade, für einen körperlich schwer behinderten Menschen wie mich. Etwas, womit man auf große Reisen gehen kann. Und so "fahre" ich manchmal die Strecke ab, an die Stelle, wo ich vom "Fussi" zum "Rolli" geworden bin. An den Ort meines Unfalls. Er liegt ziemlich genau auf der Koordinate 48°25’22.30" Nord und 12°11’22.94" Ost.

Ein neues Motorrad muss es sein. Heute kann ich es beim Händler abholen. Endlich! Heute, am 12. Mai 2007. Ich bin etwas aufgeregt. Schließlich bekommt man nicht jeden Tag ein nagelneues Motorrad. Seit meinem 20. Lebensjahr fahre ich schon auf zwei Rädern. Über einen Zeitraum von 30 Jahren. Verschiedene Marken, Zweizylinder und Vierzylinder, von 350 ccm bis 1100 ccm. Dann eine mehrjährige Unterbrechung – eine Babypause. Danach geht es weiter auf einer 1200 ccm Maschine. Nun ist es aber Zeit für eine Neue denn die Alte hat etwa 80.000 km auf dem Buckel. Kreuz und quer durch die österreichischen Alpen, die italienischen Dolomiten, Frankreich, vom Genfer See bis zum Mittelmeer und zurück. Korsika und Sardinien nicht zu vergessen. Überall wo es kurvig ist, wo es Serpentinen und Pässe gibt, hat sie mich hingetragen. Aber nun soll mir die Neue noch mehr Freude machen. Sie ist leichter und wendiger. Ich bin gespannt.

Zusammen mit Sabine geht es zum Händler, mit dem Auto. Ich habe nicht einmal meine alte Lederkombi dabei. Denn zum neuen Motorrad gibt es auch eine neue Lederpelle. Wenn schon, denn schon. Farblich passend abgestimmt. Zum ersten Mal mit dem "Bock in einem Guss". Das wird was werden.

Es hat ziemlich lang gedauert beim Händler. Einige letzte Überprüfungen vor der Auslieferung. Kettenspannung, Reifendruck und Ölstand, alles stimmt. Dann wollte mir ein junger Mechaniker unbedingt noch einiges erklären. Von Hebeln und Schaltern. Mir, mit meinen 30 Jahren Motorraderfahrung und den vielen Stunden, in denen ich an Motorrädern geschraubt habe. Ventile eingestellt, Steuerketten gespannt, Motoren komplett zerlegt und wieder zusammengebaut. Aber ich hatte ja Zeit und ich hab es auch ein wenig genossen.

Auf dem Rückweg vom Händler, Sabine fährt den Wagen, ich das neue Motorrad. Bei einem Zwischenstopp genehmigen wir uns einen Cappuccino. Ich bedanke mich bei ihr. Sie hat Verständnis dafür, dass ich diese neue Maschine gekauft habe. Sie gab mir ihr Einwilligung dafür, dass ich das viele Geld dafür ausgegeben habe. Sie ist meine Frau. Sie hat mich kennen gelernt als einen, der Motorrad fährt. Damals vor mehr als 25 Jahren. Ich bin glücklich. Ich bin mir nicht sicher ob sie mein Glück mit mir uneingeschränkt teilen kann oder ob die Sorge um mich in ihr überwiegt. Später wird sie sagen: "Ich habe es gespürt, an dem Tag, ich habe es kommen sehen!"

Nun neigt sich dieser schöne Tag dem Ende. Zwei Freunde, Michi und Walter kommen vorbei um die Neue zu begutachten. Wir beschließen noch eine letzte Runde zu fahren. Zum Abschluss des Tages. Die beiden fahren voraus. Ich fahre noch etwas zurückhaltend. Aber die Neue liegt gut auf der Straße. Mit leichtem Druck am Lenker und ein wenig Gewichtsverlagerung lässt sie sich in die nächste Kurve abkippen. Auch die Bremsen sprechen sauber an. Ich lasse das ABS tackern. Am Hinterrad ist das kein Problem. Aber vorne, da muss ich ganz schön hinlangen. Wir fahren von Altfraunhofen kommend Richtung Baierbach. Ich fahre an einem längeren Waldstück rechts vorbei auf eine Rechtskurve zu. Mensch, die Kiste liegt wirklich gut. Dann geht es an einem Weiler vorbei. Fahring nennt sich die Ansammlung von nur wenigen Häusern. Aber, dass ich dort vorbeifahre ist bereits aus meiner Erinnerung gelöscht. Schon bin ich an dem Ort vorbei, da passiert es. In einer leichten Linkskurve komme ich von der Straße ab und fahre einfach geradeaus weiter. Ungebremst stürze ich eine etwa 5 Meter tiefe Böschung hinab. Auf dem Weg nach unten setzt meine Maschine auf. Ein Absatz. Ob meine Rückenwirbel bei diesem heftigen Aufprall brachen? Anzunehmen. Oder erst zwei Meter tiefer? Dort werde ich mich dann mehrfach überschlagen und mir dabei den Hals überdehnen.

Nahezu alles ist gelöscht aus meiner Erinnerung. Wenn ich versuche Bilder zurückzuholen dann sind es nur wenige Dinge an die ich mich zu erinnern glaube. Gras, ich sehe grünes Gras, direkt vor meinen Augen. Und, ist da nicht eine Stimme? Ich höre eine Stimme. Ich verstehe aber nicht was sie sagt. Aber ich fühle wie mir der Körper entgleitet. Er wird mir genommen. Ich spüre, von oben ausgehend und sich langsam nach unten ausdehnend, wie die Spannung aus meinen Muskeln entweicht. Gleichzeitig kriecht eine lausige Kälte in mir hoch. Diese Kälte kommt von unten, aus dem Inneren und sie kommt langsam, wird immer deutlicher. Bald wird sie mein Herz erreichen. Werde ich dann sterben? Eine große Angst kommt in mir hoch. Ich reiße die Augen weit auf. Ich schreie. Hört mich jemand? Ist da jemand? Eine Kraft drückt mich in das Gras. Ganz fest. Ich habe ihr nichts entgegenzusetzen. Ich bin wie gelähmt. Ich bin gelähmt!

Wochen später wird man mir erzählen was geschah. Die beiden Freunde, Michi und Walter, fuhren irgendwann zurück, um nach mir zu schauen. Nachdem sie mich fanden, weit unten, neben der Straße im Gras liegend, hat Michi neben mir gehockt. Hat mit mir gesprochen, um mich zu beruhigen. Er hat mich nicht angerührt denn ich war noch bei Bewusstsein. Auch er hatte Angst. Angst davor mir den Helm abnehmen zu müssen. Ich habe geschrieen. Immer wieder das Selbe. Drei Sätze waren es:

"Fasst mich nicht an, mein Rücken ist gebrochen" "Sag Sabine, dass ich sie liebe" "Mein Körper verlässt mich"

Immer wieder diese Sätze. Walter hat währenddessen den Notarzt und die Polizei alarmiert. Es kam dann bald ein Hubschrauber. Die Besatzung versetzte mich in ein Koma, welches dann für eine Woche lang aufrecht erhalten blieb. Die neue Lederkombi, in Fetzen zerschnitten. Man trägt mich in den Hubschrauber. Der bringt mich in die Unfallklinik von München Schwabing. Dort werden noch in der selben Nacht meine Rückenwirbel wieder in Position gebracht, während einer neun Stunden dauernden Operation. Ein weiterer Eingriff folgt ein paar Tage später um die Verletzung an der Halswirbelsäule zu versorgen.

Was außerdem in dieser Nacht und den darauf folgenden Tagen passierte und was ich damit anderen Menschen antat wurde mir erst viel später klar. Sabine, die in ihrer Angst um mich fast wahnsinnig wurde. Meine Kinder, die mit Tränen in den Augen vor dem Operationssaal im Krankenhaus auf eine gute Nachricht warteten, die ganze Nacht. Meine Eltern, die, 800 km entfernt, nichts weiter tun konnten als zu beten.

Heute, zwei Jahre nach diesem Unfall, sitze ich im Rollstuhl. Ich bin schwerbehindert, zu 100%, bewegungsunfähig von der Brust an abwärts. Auch Arme und Hände sind in ihren Funktionen beeinträchtigt. Eine Querschnittlähmung. Einiges habe ich bereits leidvoll erfahren über diesen Zustand. Aber das volle Ausmaß ist mir nicht bekannt.

Ich starte Google Earth an meinem Computer und schwebe mit dem Mauszeiger über dem Ort, dort wo es passierte. Dann sehe ich wieder das Gras, direkt vor meinen Augen, erinnere mich an die Schönheit jenes Tages, des 12. Mai 2007 und glaube die Vögel singen zu hören. Was habe ich nur getan? Das ist doch alles nur ein Traum, oder?

 

 

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